Zweifel am eigenen Lebensstil – Die Diskrepanz zwischen Genuss und Pflicht!

von Tankred Dankmar am 9. März 2017

Zu heiß, zu kalt, zu nass, zu trocken – Ich weiß, man sollte sich als ambitionierter Wunder-Hobby-Läufer ja nicht mit dem Wetter aufhalten, noch sich davon aufhalten lassen. Ist mir klar. Und wenn man, so wie ich, in den Tropen lebt, dann sollte man das schon mal gar nicht tun – denkt Ihr vielleicht. Hier ist das Wetter ja generell besser als in Deutschland. Es ist nie zu kalt und höchstens scheint mal zu viel die Sonne. Denkt Ihr Euch vielleicht. Aber dummerweise hat das tropische Wetter auch so seine Eigenheiten und man sieht sich mit ganz anderen klimatischen Problemen konfrontiert. Auch das ist nur logisch, wenn man mal eine Minute darüber nachdenkt.

Man sieht dem Wetter an einem normalen Tag seine Hitze hier schon an. Ist auch nicht immer schön.

Bildlizenz: CC BY-SA3.0

Ich sagte es schon an andere Stelle, aber manchmal ist es schlicht unerträglich heiß. Es ist fast zu heiß zum laufen und wenn ich dann mittags um eins losrenne und mich mal wieder bei 35 Grad im Schatten einen Hügel hinauf gequält habe, dann kommt es mir vor, als wenn mich jeden Augenblick der plötzliche Herztod oder ein Gehirnschlag ereilen könnte.

Die Pumpe rast, oben angekommen kühlt nichts ab, am allerwenigsten der Schädel. Darin hämmert es wabernd heiß und bedenklich. Ich dachte schon ein paar Mal: So, jetzt ist es soweit. Ich werde hier auf der verdammten Insel in bunten Sportklamotten sterben, einfach nur, weil ich so dämlich war, mir in der größten Hitze des Tages die Laufschuhe anzuziehen. Selber Schuld, Du Vollidiot. Eigentlich hast Du es doch vorher besser gewusst.“

Gesund ist das nicht, was ich da mache. Und trotzdem laufe ich mittags am liebsten. Eigentlich sollte man hier in diesen Breiten natürlich früh morgens oder ein paar Stunden nach Sonnenuntergang lostraben. Ist mir auch klar. Wegen der Hitze und so.

ABER: Ich schlafe normalerweise lange, weit bis nach Sonnenaufgang. Ich bin ja nicht auf eine tropische Trauminsel gezogen, um mir jetzt weiterhin den Wecker zu stellen, obwohl mich keiner zur Arbeit erwartet. Ich bin ja Freiberufler. Und so weit geht die Liebe zum Laufsport dann auch nicht, dass ich mir diese klingelnde Geißel der arbeitenden Menschheit jetzt wieder extra ins Haus hole.

Tja, und gegen die Zeit des Sonnenuntergangs mache ich mein Laptop zu, da fällt der Hammer. Und dann gehe ich schön ein Bierchen in der Strandbar trinken. Und danach laufe ich natürlich auch nicht mehr sportlich beschwingt los. Das wäre physiologisch auch noch bedenklicher: angetrunken und in der Hitze. Da ist der Herztod erst recht vorprogrammiert. 

Nicht nur romantisch anzuschauen, sondern auch weit angenehmer, um ein Ründchen zu drehen: die Zeit beim Sonnenuntergang.

Bild: Golfer70 – CC BY-SA3.0

So kommt es eben, dass ich am liebsten Mittags laufe. Ich nutze quasi meine selbstgewählte Mittagspause – die auch gerne mal zwei Stunden lang ist – zum Laufen, duschen und bei einer Zeitungslektüre entspannend. Dieser Luxus verlangt also von mir, dass ich mit dieser brütenden Mittagshitze der Tropen klarkommen muss. Das hört sich vielleicht an, wie Jammern auf dem allerhöchsten Niveau, aber nochmal:

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ich mir damit keinen Gefallen tue, hier mit dem Feuer spiele und einen frühzeitigen Herz- und/oder Gehirntod fast billigend in Kauf nehme. Und deshalb nehme ich mir nicht selten vor, meine täglichen Routinen mal ein bisschen anzupassen, mich zu verändern. Ich bin schließlich auch nicht mehr der jüngste und lebe auch nicht soooo gesund, dass ich meinem Organismus solche unnötigen Strapazen zumuten sollte.

Ich sollte früher aufstehen und ein schönes Ründchen laufen gehen. Bei der Gelegenheit sollte ich auch anfangen, mich gesünder zu ernähren. Ach ja, ich sollte wohl auch mit dem Rauchen aufhören und deutlich weniger trinken.  Ich sollte nicht jede zweite Nacht zum Tage machen, ich sollte mit dem Motorrad nicht so heizen und ich sollte auch wieder mehr Yoga machen. Ich hätte, wollte, würde. Hätte, hätte, Menschenkette. 

ABER: Auf der anderen Seite denke ich mir auch, dass das Leben doch viel zu kurz ist, um seine schönsten Seiten nicht bis zur Neige zu genießen. Was bleibt einem sonst, wenn man sich nur noch für seine Gesundheit interessiert und sich immer für ´das Richtige´ anstatt ´das Falsche´ entscheidet?

Wahrscheinlich haben wir nur dieses eine Leben. Das glaube ich zumindest so lange, bis mich keiner vom Gegenteil überzeugen kann. Und bisher hat das noch keiner geschafft. Und ich laufe auch nicht, weil das so gesund ist, sondern weil es schön ist. Ich genieße das genauso, wie ich das vierte Bier genieße: Weil es meine Lebensqualität erhöht und nicht, weil ich denke, das es ja so ´richtig´ wäre. Nur in diesen Momenten, wenn ich mal wieder unter der brennenden tropischen Mittagssonne einen Hügel hoch gerannt bin und alles in meinem Körper pulsiert, als fliege er gleich auseinander, dann kommen mir doch manchmal Zweifel an meinem Lebensstil.

Laufen unter Palmen und Sonne – es hätte schlimmer kommen können. 🙂

Bild: Flipsoulfly – CC BY-SA3.0

 

Tja, so ist das. Liebe laufende Gemeinde, Ihr seht, auch als Freiberufler auf einer tropischen Trauminsel hat man so seine Problemchen. Aber keine Sorge, ganz ernst meine ich das nicht. Ich weiß durchaus, wie gut ich es habe. Ich weiß nämlich noch sehr gut, dass mein Leben nicht so gut war, bevor ich vor sechs Jahren ausgewandert bin.

Da war ich froh, wenn ich überhaupt noch Zeit zum Laufen gefunden habe. Und ehrlich gesagt kann ich mir auch einen schlimmeren Tod vorstellen, als hier auf der tropischen Trauminsel oben auf einem Hügel unter strahlend blauem Himmel und einer lachenden Sonne an einem plötzlichen Gehirnschlag zu sterben. Es könnte schlimmer kommen, finde ich. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen Tod, in einem Moment, in dem uns zum Lächeln zumute ist. Was kann man vom Leben schon mehr erwarten? Letztendlich kommt es nur auf diesen einen Moment im Leben an, dann, wenn man den Löffel abgibt. Nur der zählt. Alles andere ist Makulatur.

Sterbet in Frieden, aber vorher lasst uns noch ne Runde laufen! 

Euer Tankred.

#keeponrunning


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